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Marschall Georgij Schukow, Feldmarschall Bernard Montgomery und Marschall Konstantin Rokossowskij in Berlin am 12. Juni 1945. (Imperial War Museums/Getty Images)

Wie die Rote Armee 1945 Nazideutschland besiegte

Das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs begann für die Rote Armee mit schweren Strassenkämpfen in Budapest, der Vorbereitung der Befreiung Warschaus und dem Angriff auf Ostpreussen, wo sich eine der wichtigsten Städte des Dritten Reichs – Königsberg – befand. Der Feind, der durch die Kämpfe des Jahres 1944 schwer angeschlagen war, verfügte noch über eine relativ hohe Kampfbereitschaft. Trotz dem Verlust grosser Gebiete, wichtiger Industrieregionen und fast aller wichtigen Verbündeten waren die Deutschen bereit, bis zum bitteren Ende zu kämpfen.

Am 12. Januar begann die sowjetische Offensive – ein Grossangriff in Richtung Polen. Die Rote Armee erreichte bereits im Sommer 1944 den Stadtrand von Warschau und legte danach eine lange Operationspause ein. Am 17. Januar 1945 befreite sie die Stadt, unterstützt von der mit der Sowjetunion verbündeten polnischen Armee.

Im weiteren Verlauf der Weichsel-Oder-Operation stiessen die sowjetischen Armeen im Westen bis auf 500 km vor, zerschlugen 35 deutsche Divisionen, befreiten einen beträchtlichen Teil Polens und stiessen Anfang Februar auf die äusseren Zufahrtswege nach Berlin. Das Wehrmachtskommando musste zum Schutz der deutschen Hauptstadt überstürzt Verbände aus anderen Frontabschnitten, auch aus dem Westen, verlegen.

«Das Auftauchen der sowjetischen Armeen 70 Kilometer entfernt von Berlin war eine unglaubliche Überraschung für die Deutschen», erinnerte sich Marschall Georgij Schukow: «In dem Moment, als die vorgeschobene Gruppe (5. Stossarmee) in die Stadt Kinitz eindrang, spazierten die deutschen Soldaten friedlich durch die Strassen, das Restaurant war voll von Offizieren. Die Züge auf der Strecke Kinitz-Berlin fuhren pünktlich und die Kommunikation funktionierte ohne Probleme.»

Sowjetische Soldaten kämpfen in den Aussenbezirken von Warschau. (Alexander Kapustjanskij/Sputnik)

Die grossangelegte Schlacht um Ostpreussen, die fast zeitgleich mit der Weichsel-Oder-Operation begann, brachte der Roten Armee sehr grosse Verluste. Der Wehrmacht gelang es, die strategisch und ideologisch wichtige Region in eine fast uneinnehmbare Festung zu verwandeln, und am Ende des ersten Kampfmonats war in den Reihen vieler sowjetischer Divisionen kaum mehr als die Hälfte der Trupenteile übrig.

Schliesslich wurde die feindliche Gruppierung in Stücke geschlagen und an der Ostsee festgesetzt. Die sowjetische Marine war jedoch nicht in der Lage, die Deutschen vollständig zu blockieren, sodass sie bis fast Anfang Mai erbitterten Widerstand leisteten.

Am 9. April wurde Königsberg von der Roten Armee aus mehreren Richtungen angegriffen. Mehr als 90.000 deutsche Soldaten und Offiziere wurden gefangen genommen. Der Kommandant der Stadt, Otto Lasch, sagte später im Verhör: «Wir konnten nicht davon ausgehen, dass eine Festung wie Königsberg so schnell fallen würde. Das russische Oberkommando hatte die Operation gut geplant und perfekt durchgeführt…» Der Verlust von Königsberg bedeutet den Verlust der grössten Festung und deutschen Hochburg im Osten.

Einmarsch der Roten Armee in Königsberg. (Nikolaj Maksimow/Sputnik)

Damit die Truppen der 1. weissrussischen Front unter Schukow Berlin ungestört angreifen konnten, war es notwendig, ihre Flanken zu sichern. Im Februar und April wurde die deutsche Gruppierung in Ostpommern besiegt und am 31. März der strategisch wichtige Hafen von Danzig eingenommen.
Im Süden war Mitte Februar der monatelange, erbitterte Kampf um Budapest zu Ende. Mit dem Verlust der ungarischen Hauptstadt bestand für die deutschen Truppen in Jugoslawien die Gefahr, abgeschnitten zu werden, während die Rote Armee in Richtung Wien und Prag vorrücken konnte.

Der Panzersoldat Nikolai Werschinin erinnerte sich an die Kämpfe in Budapest folgendermassen: «Man fährt mit dem Panzer, hält an einer Ecke an und schiesst auf die Häuser, in denen die Infanterie Feuerstellungen gefunden hat. Offen gestanden, haben wir versucht, so zu treffen, dass ein Haus so weit wie möglich zerstört wird, weil wir sonst nicht weiter gekommen wären. Alle Strassenkämpfe verschmolzen zu einem endlosen, monotonen Reigen … Ich muss sagen, dass wir die Magyaren nicht mochten, weil sie noch härter kämpften als die Deutschen. Die konnten sich am Ende des Krieges zurückziehen, aber die Ungarn kämpften bis zum Schluss.»

Am Morgen des 6. März starteten die deutschen und ungarischen Streitkräfte ihre letzte Grossoffensive des Zweiten Weltkriegs. Das Unternehmen Frühlingserwachen wurde im Gebiet des Balatons und des Velencer Sees durchgeführt und zielte darauf ab, die Rote Armee von den letzten grossen Ölfeldern in Westungarn und Österreich zu vertreiben.

«Am Balaton hatte unser Regiment enorme Verluste», erinnerte sich Leutnant Eduard Melikow vom 877. Artillerieregiment: «200 deutsche Panzer näherten sich auf einmal den Stellungen unserer Division und unsere Haubitzen wurden unter direkten Beschuss genommen… Das waren sehr harte Gefechte. Überhaupt hatte unser Regiment während des ganzen Krieges nicht so viele Leute verloren wie in Ungarn.»

Am 15. März ging dem Unternehmen jedoch die Luft aus – die 400 000 Mann starken Truppen konnte nicht tiefer als 30 km in die sowjetischen Stellungen vordringen. Die 6. SS-Panzerarmee, die die Speerspitze des Hauptstosses bildete, verlor mehr als 250 Panzer und Selbstfahrlafetten und stellte keine bedeutende Kampfkraft mehr dar.

Am Tag nach dem Scheitern des Unternehmens Frühlingserwachen gingen die Rote Armee selbst in die Offensive und begannen, rasch auf Wien vorzurücken. Die erbitterten Kämpfe um die österreichische Hauptstadt begannen am 6. April und dauerten etwa eine Woche.

«Die Deutschen gaben die Fabriken und Fabrikgebäude schnell auf, weil dazwischen unbebaute Grundstücke lagen, die für die Verteidigung ungeeignet waren», erinnerte sich General Iwan Moschljak, der Kommandeur der 62. Garde-Schützendivision. Eine Ausnahme bildete vielleicht das Automobilwerk. Die Deutschen hatten sich in den Kellern des Werksgebäudes hinter dem Bahndamm verschanzt und feuerten von dort aus Maschinengewehren, sodass unsere Sturmtruppen nicht vorrücken konnten … Ein Haus nach dem anderen, eine Strasse nach der anderen wurde von den Soldaten der Division befreit, die die Deutschen an die Donau drängten.»
Nach der Einnahme Wiens zogen die sowjetischen Truppen weiter nach Westen bis zur Enns vor, wo sie am 8. Mai auf die Amerikaner trafen.

Soldaten der 4. Gardearmee, die während der Schlacht um den Donaukanal in Wien im Schutze einer Nebelwand die Schiffsleiter hinauflaufen. (Wladimir Galperin/Sputnik)

Für den Angriff auf die Hauptstadt des Dritten Reiches zog die sowjetische Führung Kräfte von mehr als zwei Millionen Soldaten zusammen. Ihnen standen 800.000 Soldaten von Wehrmacht, SS und Volkssturm gegenüber.

Nachdem sie mehrere Verteidigungslinien des Feindes durchbrochen hatten, nahmen die sowjetischen Truppen am 25. April Berlin in einem engen Ring ein. Es kam zu erbitterten Strassenkämpfen, die umso heftiger wurden, je näher die Rote Armee an das Zentrum der Stadt heranrückte.

Am 30. April, am Tage von Hitlers Selbstmord, brach die Schlacht um den Reichstag aus. «Panzer beschossen das Gebäude und drinnen herrschte bereits ein Durcheinander von Militärangehörigen – unseren und deutschen», erinnerte sich der Infanterist Jakow Fadejew: «Im Reichstagsgebäude verteidigten sich die SS-Elitetruppen und Hitlers Leibstaffel gegen uns. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet und kämpften bis auf den Tod. Es wurde um jeden Ziegelstein gekämpft, man schoss, hieb mit Feldspaten aufeinander ein, erwürgte den Feind mit blossen Händen…»

Am 1. Mai wurde das rote Siegesbanner auf dem Reichstag gehisst, obwohl die Kämpfe noch bis zum Abend andauerten. Am nächsten Tag kapitulierte die Berliner Garnison.

Sowjetische Truppen in der Nähe des Reichstages. (Iwan Schagin/Sputnik)

Die Einnahme Berlins bedeutete nicht die sofortige Einstellung der Feindseligkeiten. Die neue deutsche Regierung in der norddeutschen Stadt Flensburg unter Grossadmiral Karl Dönitz verfügte über grosse Truppen in der Tschechoslowakei und in Österreich. Die Nationalsozialisten hofften immer noch, sich mit ihren westlichen Verbündeten auf einen gemeinsamen Kampf gegen die Russen einigen zu können oder zumindest diese Gebiete vor dem Herannahen der Roten Armee an sie abzutreten.
Am 6. Mai stiessen die Truppen der 1. ukrainischen Front von Marschall Iwan Konjew auf Prag vor, das von einem lokalen Aufstand erschüttert wurde. Die Panzerverbände bewegten sich Tag und Nacht und legten bis zu 50 km pro Tag zurück. Bald brachen sie in den Rücken der deutschen Heeresgruppe Mitte ein.

Am 8. Mai eroberten die sowjetischen Armeen Dresden und am 9. Mai rückten sie in Prag ein. «Die Tschechen begrüssten uns überschwänglich», notierte der Panzersoldat Wassilij Moskalenko: «Die Jungen liefen wie auf Kommando mit Eimern, die mit kaltem Wasser gefüllt waren, auf die Panzer zu. Für uns war das nach dem Marsch wie Honig. Sie kamen zu jedem Panzer und versorgten ihn. Damals blühte schon der Flieder, und es wurde jedem Panzerfahrer [ein Strauss] in die Hand gedrückt. Die Menschen, von klein bis gross, schrien vor Freude und ergriffen unsere Hände. Sie küssten und umarmten sich gegenseitig.»

Die Pragerinnen und Prager begrüssen die Soldaten des tschechoslowakischen Korps, die zusammen mit der Roten Armee das Land von der Nazi-Besatzung befreit haben. (Sputnik)

Auch nach der Kapitulation Deutschlands legten einige deutsche Truppen die Waffen nicht nieder. Sie versuchten, sich nach Westen durchzukämpfen, um sich den Amerikanern und Briten zu ergeben.

Etwa 200 000 deutsche Soldaten hielten immer noch einen Teil des sowjetischen Territoriums besetzt. Der sogenannte Kurlandkessel bildete sich im Oktober 1944, als der sowjetische Durchbruch zur Ostseeküste bei Memel (Klaipeda) die Kräfte der Heeresgruppe Nord im Westen Lettlands abschnitt.

Der Feind wurde ans Meer gedrängt und leistete bis zum 9. Mai Widerstand. «Die Deutschen waren dann aber die ersten, die uns wissen liessen, dass der Krieg zu Ende war», erinnerte sich der Marineinfantrist Pawel Klimow an diesen Tag: «Wir liefen an der Küste entlang. Wir verstanden nicht, warum an den deutschen Schützengräben so ein Lärm und Jubel herrschte. Es stellte sich heraus, dass sie erfahren hatten, dass der Krieg zu Ende war. Wir wussten durch das Feuerwerk und die Schüsse in der Luft, dass es vorbei war … Es herrschte grosse Freude.»

Von den sowjetischen Streitkräften nach der Niederlage der Heeresgruppe Kurland der Wehrmacht beschlagnahmtes deutsches Kriegsgerät. (Leonid Korobow/Sputnik)

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Fotos und Text: Russia Beyond