Versammlung in der Sozialistischen Kommune El Maizal in Venezuela. Archivfoto: Orinoco Tribune.
Venezuelas bolivarische Revolution und der weltweite Kampf gegen den US-Imperialismus
Ein Interview von IBRAHIM YOUNES mit CHRIS GILBERT, geführt am 6. März 2026
Am 3. Januar 2026 führten die Vereinigten Staaten einen Militärschlag gegen Venezuela durch, der die Bombardierung der Hauptstadt Caracas und die Entführung von Präsident Nicolás Maduro und seiner Frau, der Abgeordneten Cilia Flores, umfasste. Trotz der Tragweite dieses Ereignisses darf es nicht isoliert vom Kontext der regionalen Geschichte betrachtet werden. Es bedarf einer umfassenderen Analyse der aktuellen historischen Lage Lateinamerikas, mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Aufstieg linker und progressiver Kräfte in vielen Ländern des südlichen Kontinents, allen voran Venezuela. Wo stehen diese Kräfte heute? Sind sie noch immer ein lebendiges Bindeglied im globalen Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus? Wie hat die Bolivarische Revolution ihren schwierigen Weg zu den aufeinanderfolgenden Erfolgen beschritten? Wo steht sie angesichts der jüngsten Entwicklungen, und wohin steuert sie? Wie können die Völker Südamerikas dem US-Imperialismus angesichts dieser anhaltenden und gefährlichen Eskalation heute widerstehen? Diese Fragen gewinnen angesichts der grossen Umwälzungen im Weltsystem noch mehr an Dringlichkeit: dem Aufstieg neuer eurasischer Mächte, der Verschärfung hybrider Kriege, Sanktionen und Blockaden, dem eskalierenden imperialistischen und zionistischen Krieg gegen Palästina, arabische Widerstandsbewegungen und den Iran sowie der anhaltenden Militarisierung der Karibik und der westlichen Hemisphäre.
Der marxistische Theoretiker und Aktivist Chris Gilbert engagiert sich seit zwei Jahrzehnten für die Bolivarische Revolution. In diesem Interview vom 22. Februar 2026 analysiert er die jüngste Eskalation im Kontext der Konfrontation zwischen Venezuela und der US-Hegemonie und untersucht deren Auswirkungen auf das Land und die Region. Gilbert erörtert die venezolanischen Kommunen als eine der bedeutendsten Ausdrucksformen der Volksmacht und als praktischen Versuch, eine sozialistische Alternative aufzubauen. Er geht auch auf die Möglichkeiten und Fragen ein, die diese Erfahrung für andere Gesellschaften, darunter arabische und islamische, eröffnet. Gilbert ist Professor an der Bolivarischen Universität von Venezuela in Caracas und Redakteur der Zeitschrift «Monthly Review». Er ist Autor zahlreicher Artikel und Bücher, darunter das bedeutende Werk «Kommune oder nichts! Venezuelas Comunas-Bewegung und ihr sozialistisches Projekt» (2023), und hat umfangreiche Feldforschung zum Übergang zum Sozialismus und zu den Kommunen in Venezuela betrieben.
Dieses Interview wurde geführt von IBRAHEM YOUNES und erschien zuerst in arabischer Sprache in der Zeitschrift Al-Mustaqbal Al-Arabi Nr. 565 (März 2026), herausgegeben vom Zentrum für Arabische Einheitsstudien in Beirut.
Ibrahem Younes: Am 3. Januar dieses Jahres verübten die Vereinigten Staaten einen grausamen nächtlichen Angriff auf Venezuela, bei dem Caracas und die umliegende Region bombardiert und der Präsident entführt wurden. Wir werden diesen Angriff und die Reaktionen darauf später im Interview ausführlicher besprechen. Zunächst aber ein breiterer historischer Überblick über Lateinamerika und insbesondere über die Epoche progressiver Erfolge, die mitunter als «Rosa Welle» bezeichnet wird. Dieser Begriff beschreibt die Welle linker Regierungen in vielen lateinamerikanischen Ländern, die die staatlichen Prioritäten im Sinne sozialer Gerechtigkeit und nationaler Souveränität neu ausrichteten – durch den Ausbau des Sozialschutzes, die Rückgewinnung bestimmter öffentlicher Ressourcen und den Aufbau von Mechanismen regionaler Integration. Wie verstehen Sie die «Rosa Welle»? In welcher praktischen Hinsicht fungiert sie als Glied in der Kette des Kampfes gegen Kapitalismus und Imperialismus? Was bedeuten die jüngsten Angriffe für diese Epoche des Wandels?
Chris Gilbert: Die Massenmedien tun im Alltag genau das, was die postmoderne Theorie in ihren Büchern getan hat: Sie zerstören das historische Verständnis. Das geschieht unter anderem, indem sie sich auf angeblich singuläre und besondere «Ereignisse» konzentrieren – also auf quasi messianische Vorkommnisse, die angeblich ein scharfes «Vorher und Nachher», einen vollständigen Bruch mit dem, was vorher war, markieren. In diesem Sinne wird das Geschehen vom 3. Januar in Venezuela in den Massenmedien systematisch als «Ereignis» ohne viel historischen Kontext dargestellt. Das führt zu grosser Verwirrung, auch aufseiten der Linken. Daher ist es relevant und sogar unerlässlich, dass Sie die Diskussion zunächst auf die jüngere Geschichte Lateinamerikas lenken und nach dem Kontext der «Rosa Welle» fragen.
Angesichts der aktuellen Angriffe erscheint es mir wichtig, die historischen Rahmenbedingungen des Kampfes in Lateinamerika nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu betrachten. Die 1990er Jahre waren eine Zeit, in der die Vereinigten Staaten eine neue Hegemoniestufe in der Region erreichten. Als Zeichen ihrer Schwäche wandten sich viele der gegenhegemonialen Bewegungen auf unserem Kontinent in den 1990er-Jahren explizit von der Frage der Staatsmacht ab und konzentrierten sich stattdessen auf «soziale Themen». So entstand ein neuer Schwerpunkt des Kampfes: die «soziale Bewegung», die einen Grossteil der 1990er Jahre prägte. Sie wurde «Movimentismo» genannt und brachte sich kollektiv in Foren wie dem Weltsozialforum zum Ausdruck.
Zu Beginn des neuen Jahrhunderts trieb Hugo Chávez in Venezuela den Kampf auf bahnbrechende Weise voran und bewies, dass es in Lateinamerika möglich war, dass linke Volkskräfte durch Massenmobilisierung und Wahlen die Staatsmacht ergriffen. Dies markierte gewissermassen die Geburtsstunde der sogenannten «Rosa Welle»-Regierungen, die als die sozialen Kräfte der 1990er-Jahre beschrieben werden können, die in Ländern wie Argentinien, Venezuela, Ecuador, Nicaragua, El Salvador, Brasilien, Honduras, Chile, Uruguay und Paraguay auf demokratischem Wege und durch Wahlen an die Macht kamen oder wieder kamen. An der Macht übten die «Rosa-Welle»-Regierungen die Souveränität über die Ressourcen aus, bauten Sozialprogramme aus und unternahmen mitunter Schritte in Richtung Sozialismus. Gleichzeitig führten die neuen progressiven Regierungen viele der partizipativen Formen fort, die sich aus den sozialen Bewegungen der 1990er-Jahre entwickelt hatten, und legten in ihrer Regierungspraxis Wert auf Volksmacht und Basisdemokratie.
Da die Vereinigten Staaten das Epizentrum der globalen Reaktion und der Feind aller Völker sind, die nach Selbstbestimmung streben, begannen sie naturgemäss, gegen solche Bestrebungen vorzugehen. Sie bedienten sich verschiedener Methoden. Manchmal förderten sie Staatsstreiche alter Prägung, die auf Polizei- und Militärkräften basierten. Diese konnten scheitern (Venezuela 2002, 2019) oder erfolgreich sein (Honduras 2009, Bolivien 2019). Sie setzten jedoch auch eine relativ neue Form des Staatsstreichs ein, die auf parlamentarischen Machtkämpfen beruhte (Brasilien, Paraguay, Peru). Darüber hinaus zögerten sie nicht, einseitige Zwangsmassnahmen, sogenannte Sanktionen, zu verhängen. Dennoch bewegte sich die US-Strategie in diesem Zeitraum im Allgemeinen innerhalb der Grenzen der Anerkennung einer gewissen (wenn auch begrenzten) Souveränität der lateinamerikanischen Staaten. Dies bedeutete, dass die Vereinigten Staaten – mit Ausnahme von Kolumbien und Haiti – weitgehend auf direkte Militärinterventionen verzichteten. Nach der Invasion Panamas 1989, und abgesehen von der Entführung des haitianischen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide durch die USA im Jahr 2004, erfolgten die von den USA durchgeführten Staatsstreiche ohne offene militärische Intervention und dienten, zumindest vordergründig, der Machtergreifung einheimischer Kräfte, die den US-Interessen eher zuträglich waren. Diese insgesamt imperialistische Vorgehensweise als Form regionaler Kontrolle spiegelte die Stellung der USA als nahezu unangefochtene Hegemonialmacht der westlichen Hemisphäre wider. Umgekehrt war aufgrund des relativen Fehlens direkter militärischer Interventionen (mit Ausnahme von Kolumbien, wo die USA weiterhin einen staatlich geführten Krieg gegen das kolumbianische Volk finanzierten, und Haiti, wo die Intervention als «humanitäre» oder «Sicherheits»-Hilfe getarnt wurde) die Idee eines bewaffneten antiimperialistischen Kampfes weitgehend vom Tisch.
In den letzten ein bis zwei Jahren hat sich die Gesamtsituation, die die historische Voraussetzung für das Aufkommen der «Rosa Welle» bildete, deutlich verändert. Da die Vereinigten Staaten ihre globale Hegemonie offensichtlich verlieren und sogar ihre regionale Hegemonie bedroht sehen, verfolgen sie nun riskantere und direktere Interventionen. Dazu gehören: die offene Erpressung argentinischer Wähler im vergangenen Oktober, um die Parlamentswahlen zu beeinflussen; die vielschichtige Intervention in die honduranischen Präsidentschaftswahlen 2025; die neue und beispiellose Verschärfung der grausamen Blockade gegen Kuba (die im Wesentlichen einem Kriegsakt gleichkommt); die wiederholten Drohungen mit militärischen Interventionen in Mexiko und Kolumbien; und der Bombenangriff auf Caracas am 3. Januar mit anschliessender Entführung von Präsident Maduro. Angesichts dieser Aktionen, die einer expliziten und oft militärischen Missachtung nationaler Souveränität gleichkommen, ist es nahezu unausweichlich, dass sich auch die lateinamerikanischen Länder auf einen militärischen Kampf – einen bewaffneten Kampf jeglicher Art – gegen den US-Imperialismus vorbereiten müssen, um sich gegen diese unberechenbarere, direktere und gefährlichere Form imperialistischer Intervention zu verteidigen.
All dies soll verdeutlichen, dass mit dem Ende der Ära unangefochtener US-Hegemonie das Projekt der hemisphärischen Vorherrschaft der USA zunehmend aggressiver geworden ist. Mittel- bis langfristig werden die Länder und Völker der Region neue Formen des bewaffneten Kampfes gegen den US-Imperialismus erlernen und entwickeln müssen, um sich sowohl gegen die Vereinigten Staaten zu verteidigen als auch deren Niedergang zu nutzen. Hierbei bieten sich wichtige Gelegenheiten, aus der ruhmreichen Tradition des westasiatischen Widerstands gegen Imperialismus und Zionismus zu lernen, wie etwa aus den Kämpfen, die derzeit von der Hamas, der Hisbollah und Ansar Allah sowie von der Islamischen Republik Iran geführt werden. Ich denke, dass die Notwendigkeit einer umfassenderen Vorbereitung auf den bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus in Lateinamerika auch dann bestehen bleibt, wenn die faschistischen MAGA-Kräfte, die derzeit in den Vereinigten Staaten herrschen, durch ein Amtsenthebungsverfahren oder die nächste Wahl entmachtet werden. Der Grund dafür ist, dass die gegenwärtige Verschiebung der imperialistischen Strategie den Bedürfnissen eines dekadenten imperialistischen Systems entspricht. Das bedeutet, dass die Demokratische Partei künftig ähnlich direkte und aggressive Interventionsformen anwenden würde.
IY: Venezuela scheint natürlich ein Sonderfall auf dem lateinamerikanischen Kontinent zu sein. Wie würden Sie die bolivarische Erfahrung in Venezuela – von Chávez bis Maduro – beschreiben, und ist es Ihrer Ansicht nach in mehr als zwei Jahrzehnten gelungen, einige der Probleme beim Aufbau des Sozialismus zu überwinden, mit denen andere Länder konfrontiert waren?
CG: In der Blütezeit der oben beschriebenen «Rosa Welle», geprägt von vergleichsweise wenigen direkten US-Militärinterventionen und dem zumindest nominellen Respekt vor der Souveränität lateinamerikanischer Nationen, entwickelte sich Venezuela tatsächlich zu einer Speerspitze progressiver Kräfte. Doch Venezuelas Vorreiterrolle in dieser Zeit bedeutete keineswegs, dass es nicht auf die Unterstützung anderer Länder und Völker der Region angewiesen war. Generell wird jede sinnvolle Entwicklung einer Alternative in Lateinamerika einen regionalen Charakter haben. Die diversifizierteren Volkswirtschaften Brasiliens, Argentiniens und Mexikos, die Stärke, Disziplin und der gemeinschaftliche Ansatz der indigenen Bewegungen des Kontinents sowie die wissenschaftliche, bildungspolitische und kulturelle Entwicklung Kubas und der Karibik im Allgemeinen sind allesamt wichtige Bestandteile der lateinamerikanischen Revolution. All diese Stärken müssen in einem Prozess regionaler Integration zusammengeführt werden, der die Vielfalt unserer Völker und ihrer kulturellen Traditionen respektiert. Ich möchte hinzufügen, dass die Nähe unserer Region zum Zentrum des Imperialismus – dessen Versuche, sie in einen «Hinterhof» zu verwandeln, zu wichtigen, hart erkämpften Lernprozessen geführt haben – ihr eine besondere Rolle in der weltweiten antiimperialistischen Revolution zuweist.
Auf unserem Kontinent gilt der Sozialismus seit langem als erstrebenswertes Ziel. Die Ideen der Oktoberrevolution und zuvor jener der Pariser Kommunarden wurden von den Lateinamerikanern aufgegriffen. Der Kommunismus ist eine lebendige Tradition – «Theorie ist grau», sagte Goethe, «aber grün ist der Baum des Lebens» – und der Kommunismus muss im letzteren Sinne verstanden werden: als ein lebendiges Projekt. Hier in Venezuela, wie in weiten Teilen Lateinamerikas, haben indigene und afrikanische Glaubenssysteme sowie die emanzipatorischen Elemente des Christentums den Kommunismus gestärkt und – ironischerweise – orthodoxer gemacht, als er es sonst gewesen wäre, und möglicherweise auch orthodoxer als anderswo auf der Welt. Es gibt viele Lateinamerikaner, die Marx, Engels und Lenin als ihre Glaubensväter, als lateinamerikanische Ahnen verehren! Manche mögen Lateinamerikas messianische Haltung gegenüber dem Kommunismus als Schwäche ansehen – und zweifellos hat sie zu Fehlern und Übertreibungen der Linken beigetragen –, doch sie kann auch eine Stärke sein, wenn sie mit dem, was Marta Harnecker eine «Pädagogik der Grenzen» nannte, und der nüchternen Einschätzung einhergeht, dass diese sehr ehrgeizigen und tiefgreifenden kommunistischen Bestrebungen eine materielle Grundlage benötigen, deren Aufbau möglicherweise lange dauern kann.
Die revolutionäre Erfahrung Venezuelas birgt viele Lehren für Sozialisten weltweit. Eine wichtige Erkenntnis aus Venezuela ist, dass der Aufbau eines Sozialismus ein dialektisches, aber komplementäres Verhältnis zwischen transformierter Staatsmacht – einer Staatsmacht, in die ein revolutionäres Kommandozentrum integriert wurde – und Basisbewegungen erfordert. Gerade an der Basis kann ein neuer sozialer Stoffwechsel entstehen, stets unter der Aufsicht und Koordination eines starken Staates. Dieser ist notwendig, um die Basisbewegungen zu fördern und das Land zu schützen, indem er die Verteidigung gegen imperialistische Aggressionen organisiert. Der Staat muss auch die Verantwortung für die komplexeren Aspekte der Industrialisierung und des technologischen Fortschritts übernehmen, die für die Souveränität unerlässlich sind, aber die Kapazitäten der Gemeinschaften übersteigen.
IY: Ihrer Interpretation von Karl Marx zufolge lässt sich die «Alternative» zum Kapitalismus nicht auf Verstaatlichungen oder einen ausgebauten Wohlfahrtsstaat reduzieren, sondern auf einen Wandel der Wertlogik – von einem kommerzialisierten und marktorientierten «Tauschwert» hin zu einem direkten «Gebrauchswert» –, verbunden mit einer Reorganisation von Produktion, Konsum, Politik, Verwaltung und Planung, alles auf der Basis genossenschaftlicher Produktionsinstitutionen, die von Mitgliedern der lokalen Gemeinschaft selbstverwaltet werden. Wenn wir dies heute – wie es in Ihren Schriften und Feldforschungen zum Ausdruck kommt – in ein konkretes institutionelles und ökonomisches Konzept auf den Ebenen Eigentum, Verteilung und politischer Verwaltung umsetzen, so scheinen Venezuelas antiimperialistische, staatlich unterstützte sozialistische Kommunen bereits einen langen Weg zurückgelegt zu haben. Wie lässt sich Ihrer Ansicht nach die venezolanische Kommune definieren? Was sind ihre Stärken und ihre Probleme? Und wie können Kommunenmitglieder in einem kapitalistischen, imperialistischen und feindseligen regionalen und internationalen Umfeld einen vollständigen Ausstieg aus der Marktgesellschaft und dem kapitalistischen Austausch gewährleisten?
CG: Kein revolutionärer Prozess – oder besser gesagt, kein erfolgreicher revolutionärer Prozess – verläuft linear. Ein wahrhaft revolutionärer Moment, wie er hier in Venezuela zu Beginn des 21. Jahrhunderts stattfand, mobilisiert per Definition die breite Masse der Bevölkerung und entfesselt damit ihre tiefsten Sehnsüchte nach umfassender Emanzipation. Dies stellt sozusagen den «utopischen» Moment einer Revolution dar. Er ereignete sich zweifellos hier in Venezuela. Ich erlebte ihn in seiner ganzen Wucht, als ich vor 20 Jahren ins Land kam: Es war ein Moment der Euphorie, und man hatte oft das Gefühl, dass alles allen gehörte, sogar international. Ein Slogan, der auf staatlichen Läden, Plakaten und T-Shirts prangte, lautete «Venezuela es de todos» (Venezuela gehört allen), und er war ehrlich gemeint, denn Ausländer und Besucher waren mit «todos» (allen) eingeschlossen. Man hatte das Gefühl – natürlich auch bedingt durch den damaligen Warenboom –, dass die Welt des universellen Überflusses unmittelbar bevorstand.
Der weitere Verlauf der Revolution war geprägt von der Auseinandersetzung zwischen diesen äusserst ambitionierten Zielen – einem maximalistischen, im Kern kommunistischen Projekt – und den realen Hindernissen und Zwängen, denen die Revolution ausgesetzt ist, darunter der dringende Bedarf an technologischer Entwicklung und Verteidigung sowie die notwendigen Bündnisse und Kompromisse. Eine der Paradoxien und Spannungen jeder Revolution in einer vom US-Imperialismus dominierten Welt besteht darin, dass man die totale Emanzipation proklamiert, eine Welt frei von Unterdrückung und Ausbeutung, die die Unterdrückung von Frauen und Rassen überwindet, und das Ziel einer harmonischen Beziehung zur Natur verkündet, während die tägliche Arbeit darin besteht, eine schlagkräftige Armee aufzubauen und sehr pragmatische Entscheidungen zu treffen und Kompromisse einzugehen. Eine gute revolutionäre Führung, wie sie Venezuela mit Präsident Chávez und Präsident Maduro hatte und nun mit der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez hat, zeichnet sich dadurch aus, diese Situation zu bewältigen und dabei nie beide Pole aus den Augen zu verlieren: den utopisch-strategischen und den praktischen. Ich denke, dass es bisher sehr gut gelungen ist, wenn auch natürlich auf eine Weise, die zwangsläufig unvollkommen und ungleichmässig sein wird.
Die venezolanische sozialistische Kommune gehört zweifellos zur ambitioniertesten und maximalistischsten Seite dieser Gleichung – sie drückt den Wunsch aus, die Welt der Ausbeutung und jeglicher Unterdrückung zu überwinden. Ihre jüngste Geschichte ist geprägt vom Projekt des Sozialismusaufbaus, das Chávez 2006 ausrief, 2007 mit der erfolglosen Verfassungsreform zu verankern versuchte und für das er schliesslich 2009 einen anderen Ansatz fand: die Kommune. Es ist jedoch anzumerken, dass Chávez parallel zu diesem radikalen und ambitionierten Projekt auch pragmatischere Entwicklungsprojekte verfolgte – wie das Schwerölprojekt im Orinoco-Gürtel mit umfassender internationaler Beteiligung – und gross angelegte Sozialprogramme wie die Grosse Venezolanische Wohnungsbaumission. Das Streben nach dem utopischen und strategischen Ziel ging also stets mit nüchternem Realismus einher. Chávez, Maduro und das Volk haben versucht – und versuchen es weiterhin –, «den Himmel im Sturm zu erobern», wie Marx es über die Pariser Kommunarden sagte, aber sie sind stets mit beiden Beinen fest auf dem Boden geblieben. Ich denke, das macht einen Revolutionär aus, nicht bloss eine romantische «schöne Seele» (um Hegels Begriff zu verwenden).
Es sei darauf hingewiesen, dass die Spannungen zwischen den ambitioniertesten, sozialistischen Kräften der Bolivarischen Revolution einerseits und den praktischen Überlebensfragen anderseits auch innerhalb der Kommunen bestehen. Zwar proklamieren die Kommunen die höchsten sozialistischen Ideale, doch ihre tägliche Arbeit besteht oft in der Lösung alltäglicher Probleme wie der Sanitärversorgung oder der Müllabfuhr. Auch hier erfordert der Umgang mit diesen Spannungen revolutionäre Führung und die Fähigkeit der sozialen Basis, die glorreiche Zukunft der umfassenden Emanzipation und des echten Wohlstands in den einfachsten Alltagstätigkeiten zu erkennen, selbst wenn es sich um ein fernes Ziel handelt. Das Nebeneinander dieser beiden Dimensionen ist Bestandteil jedes erfolgreichen revolutionären Projekts. Zwei Beispiele hierfür sind die Chinesische Volksbefreiungsarmee, die den Faschismus und die japanische Besatzung bekämpfte und ihren antifaschistischen Kampf gleichzeitig als Teil des umfassenderen kommunistischen Projekts verstand. Wunderbar wird dies auch in Fjodor Gladkows sozialistisch-realistischem Roman «Zement» (1925) eingefangen: Die Aufgabe, die kommunistische Zukunft aufzubauen, wird ganz wörtlich als die Frage dargestellt, wie man eine Zementfabrik wieder in Betrieb nehmen kann – unter Beschuss der Weissen Armee und inmitten unzähliger sozialer und materieller Schwierigkeiten.
All das soll heissen, dass der «vollständige Ausstieg» aus der Marktwirtschaft – nicht zuletzt, weil er einen weltweiten Sieg über den US-Imperialismus erfordert – ein fernes Ziel ist. Der Weg dorthin wird weder einfach noch kurz oder geradlinig sein. Die Herausforderung besteht darin, das Ziel vor Augen zu behalten und gleichzeitig Teile davon in der Gegenwart zu gestalten und zu erleben. Das erfordert geschickte und kreative Führung, Kommunikationsstärke und menschliche Vorstellungskraft. Es ist eine Herausforderung, aber sie ist machbar. Wie bereits erwähnt, gibt es in der Vergangenheit Beispiele dafür.
IY: Wie können Ihrer Ansicht nach arabische Gesellschaften (von denen die meisten keine politischen Prozesse auf dem Niveau Lateinamerikas aufweisen) von dem basisdemokratischen Widerstand – politischer, wirtschaftlicher und kultureller Art – profitieren, der sich in der venezolanischen Kommunenerfahrung manifestiert?
CG: Es steht mir nicht zu, in Bezug auf arabische Gesellschaften zu beurteilen, wie sie vom venezolanischen Beispiel des sozialistischen Aufbaus von Kommunen profitieren können. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass zwischen Lateinamerika und den arabischen Ländern seit Langem ein Ideenaustausch stattfindet, der bis heute andauert. Was ich sagen kann, ist, dass das strategische Projekt der Befreiung vom Imperialismus und des Weges zum Sozialismus in unserer Zeit einen universellen Charakter besitzt, da der Hauptfeind (das von den USA angeführte imperialistische System) und viele der wesentlichen Herrschaftsstrukturen überall dieselben sind. Das bedeutet, dass Erkenntnisse aus einem Kontext mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in einem anderen relevant sind – natürlich unter Berücksichtigung der erheblichen Unterschiede hinsichtlich Produktivkräfte, Geschichte, politischer Kultur, Traditionen usw.
Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede nicht so übertrieben werden sollten, wie es uns das postmoderne, poststrukturalistische Denken nahegelegt hat. Darüber hinaus sind schwerwiegende Fehler entstanden, weil ebendieses Gedankengut uns dazu verleitet hat, unsere Unterschiede auf undialektische Weise zu betrachten. Die Anerkennung von Differenz negiert nicht das Universelle, sondern bestätigt und bekräftigt dessen Gültigkeit. (Anders ausgedrückt: Das Universelle drückt sich nicht durch die Negation von Differenz aus – wer so denkt, verwechselt das Universelle mit dem Allgemeinen oder Homogenen –, sondern vielmehr durch das Besondere und Individuelle mit seinen Unterschieden.) Beispielsweise negiert die Anerkennung der Besonderheiten unserer vergangenen und gegenwärtigen indigenen Gesellschaften in Lateinamerika, die oft bereits bestehende sozialistische Praktiken verkörpern, nicht die Gültigkeit von Marx’ Erkenntnissen über die Möglichkeit, die Wertproduktion durch freie Vereinigung von Arbeitern und gesellschaftlichem Eigentum zu überwinden, sondern bestätigt sie. Tatsächlich werden wir marxistischer und kommunistischer, nicht weniger marxistisch und weniger kommunistisch, indem wir den spezifischen Charakter einer indigenen Gesellschaft anerkennen und respektieren. Genau das hat der grosse lateinamerikanische marxistische Denker José Carlos Mariátegui gezeigt. Er verdeutlichte, dass die Analyse der damals als «indigene Frage» bezeichneten Thematik auf der Grundlage der von den indigenen Völkern selbst aufgestellten Prämissen uns zum marxistischsten aller Probleme führen würde: dem Problem des Landes (d. h. den Eigentumsverhältnissen). Er zeigte auch, wie das Zusammenwirken der modernen sozialistischen Bewegung und des Kampfes der indigenen Völker um den Erhalt ihrer faktisch sozialistischen Landnutzung in Peru beide Bewegungen in ihrer jeweiligen Ausprägung stärken könnte.
Ich möchte betonen, dass die Kommune nicht zu einem Fetisch und einer Art sozialistischem Allheilmittel für alle Völker und Nationen erhoben werden sollte. In Regionen mit bestehenden Kommune-Traditionen mag sie relevant sein. Es gibt jedoch zahlreiche Kommune-Projekte, die sozialistische Ideale proklamieren oder sich als links bezeichnen, aber weder dem Sozialismus nützen noch antiimperialistisch sind – was heutzutage die Grundvoraussetzung für jedes sinnvolle Vorhaben darstellt. (Das deutlichste Beispiel für die Instrumentalisierung der Form der Kommune für die finsteren Zwecke des Imperialismus und Zionismus ist der israelische Kibbuz, der als Instrument zur Enteignung der Palästinenser dient. Es gibt aber auch andere Beispiele für Kommune-Projekte, die dem Imperialismus in anderen Teilen der Welt dienen.) Marx erkannte zwar den Wert vieler Kommune-Projekte, doch wer Marx aufmerksam liest, wird feststellen, dass er die Kommune nicht ohne Berücksichtigung von Kontext und Inhalt verteidigte – weder die Pariser Kommune noch die russische Landkommune. Ihm wurde klar, dass die Kommunen, um überlebensfähig zu sein, Teil eines grösseren Kontextes sein mussten, einer Revolution der nationalen Emanzipation. In unserer Zeit ist dieser grössere Kontext eine antiimperialistische (und antizionistische) Revolution der nationalen Befreiung, die von einer Avantgardepartei oder einer anderen klassenbasierten Organisation geführt wird. Die Notwendigkeit, Teil dieses grösseren revolutionären Projekts zu sein, ist eine marxistische Lehre, die sich in Chávez’ Denken widerspiegelt. Chávez sagte: «Die isolierte Kommune ist konterrevolutionär» und «Die Kommune ist eine Zelle, aber eine Zelle braucht einen Körper». Er bestand auch auf dem Aufbau eines nationalen Kommune-Systems. (Für eine ausführlichere Auseinandersetzung mit diesen Ideen siehe meinen kürzlich erschienenen Artikel «Sozialistische Kommunen und Antiimperialismus: Der marxistische Ansatz», der diesen Sommer in der Monthly Review veröffentlicht wurde.)
Nachdem ich oben den Beitrag der emanzipatorischen Elemente des Christentums zum revolutionären Projekt Lateinamerikas erwähnt habe, möchte ich nun auf den Islam eingehen, die dominierende Religion in den arabischen Ländern. Natürlich birgt der Islam wie die meisten anderen Religionen auch viele emanzipatorische und menschlich wertvolle Elemente, doch seine Bedeutung für das revolutionäre Projekt unserer Zeit reicht über diese spezifischen Merkmale hinaus. Entscheidend ist, dass die meisten mehrheitlich muslimischen Völker in den letzten Jahrhunderten unter kolonialer oder imperialistischer Herrschaft nordischer Mächte gelebt haben. Infolge dieser Erfahrung tendiert die islamische Kultur historisch gesehen zu antikolonialen und antiimperialistischen Positionen. Ein indirekter Beleg dafür ist, dass die Etablierung des Islam als Staatsreligion eines prokolonialen, proimperialistischen Staates wie Saudi-Arabien zahlreiche Spaltungen, Widersprüche und Dissidentenbewegungen hervorruft. Dies erinnert uns daran, dass der Islam aufgrund seiner historischen und geografischen Entwicklung im Kern eine Religion der Unterdrückten und Beherrschten ist.
Es wäre zutiefst absurd – und im Widerspruch zu allen soziologischen und historischen Prinzipien, die mit dem Marxismus vereinbar sind –, anzunehmen, dass die Kultur und die Glaubenssysteme der Unterdrückten dieser Welt keine revolutionären Ressourcen darstellen. Tatsächlich sind die zwei Milliarden Muslime weltweit eine der tragenden Säulen des globalen antiimperialistischen Kampfes, der unsere Epoche prägt.
IY: Ab Sommer 2025 führten die USA einen massiven Militäreinsatz in der Karibik durch. Es kam zu Drohnen- und Raketenangriffen auf Fischerboote, bei denen über 130 Menschen aussergerichtlich getötet wurden, sowie zu mehreren gewaltsamen Beschlagnahmungen von Öltankern mit venezolanischem Rohöl. Diese Aktionen gipfelten in der Bombardierung von Caracas am 3. Januar dieses Jahres und der illegalen Entführung von Präsident Maduro und seiner Frau, der Abgeordneten Cilia Flores. Wie verstehen Sie diese beispiellosen Angriffe, und welche mittel- und langfristigen Auswirkungen erwarten Sie? Sie haben die wahrscheinliche Rückkehr des bewaffneten Kampfes als Form des Widerstands gegen diese neue Art imperialistischer Intervention erwähnt. Welchen weiteren Herausforderungen stehen Venezuela und die Länder der Region in diesem neuen Szenario gegenüber?
CG: Ich begann dieses Interview mit dem Hinweis, wie wichtig es ist, den 3. Januar im historischen Kontext zu betrachten. In diesem Sinne möchte ich betonen, dass eine korrekte, materialistische Betrachtungsweise der Ereignisse dieses Tages die starke Konditionierung der Handlungen des US-Imperialismus sowohl vor als auch nach der Entscheidung für den Blitzkrieg gegen Venezuela und die illegale Entführung von Präsident Nicolás Maduro und der ersten Kämpferin Cilia Flores anerkennen wird. Einerseits setzten die Einheit des revolutionären Blocks in Venezuela, die unerschütterliche Loyalität des Militärs und die bewaffnete Bevölkerung dem imperialistischen Handeln in diesem Kontext erhebliche Grenzen. Dies bedeutete, dass die Vereinigten Staaten weder eine klassische Bodeninvasion durchführen noch einen Regimewechsel durch einen Staatsstreich erzwingen konnten. Aus all diesen Gründen entschieden sich die Vereinigten Staaten für eine Verschärfung der Blockade, indem sie Öltanker mit venezolanischem Rohöl am Verlassen des Landes hinderten, und beschlossen, den Präsidenten zu entführen.
Tatsächlich ist der historisch nächstliegende Präzedenzfall für die illegale Entführung von Präsident Maduro und Cilia Flores am 3. Januar die Operation, bei der 2011 der FARC-Anführer Alfonso Cano zu Beginn der Friedensverhandlungen in Kolumbien ermordet wurde. Dies führte dazu, dass Timochenko (Rodrigo Londoño) die Führung der antiimperialistischen Guerillabewegung übernahm und den bereits laufenden Verhandlungsprozess vollendete. In diesem Sinne – und mit Blick auf die historischen Kontinuitäten – ist es bemerkenswert, dass die Entscheidungen der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez nach der Invasion vom 3. Januar im Wesentlichen dem von Nicolás Maduro bereits skizzierten Verhandlungsplan folgen. Vor seiner Entführung hatte Maduro bereits eine mögliche Revision des Kohlenwasserstoffgesetzes und eine kontrollierte Öffnung für US-amerikanische Ölinteressen in Betracht gezogen. Bemerkenswerterweise prognostizieren die meisten Ölexperten in den kommenden Jahren keine wesentliche Veränderung der Ölproduktion in Venezuela, da Investoren wenig Interesse zeigen. Daher sind Versprechen eines «neuen Booms», von dem entweder die Vereinigten Staaten oder Venezuela stark profitieren würden, sehr unwahrscheinlich.
Es ist wichtig zu erkennen, dass das neue Szenario nach dem 3. Januar einen taktischen Rückzug und erhebliche Herausforderungen für die Bolivarische Revolution sowie für progressive Kräfte in der Region mit sich bringt, insbesondere für Kuba (dessen Revolution ein sozialistisches Vorbild und ein Leuchtfeuer der Hoffnung für Revolutionäre auf der ganzen Welt ist). Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten in naher Zukunft Venezuelas Ölexporte kontrollieren werden, stellt in der Tat einen Schlag für Venezuelas Souveränität in einem bestimmten Bereich dar. Das Vorgehen der venezolanischen Regierung muss, wie ich nochmals betone, als taktischer Rückzug betrachtet werden. Es war klug, so zu handeln. Kontrollierte Rückzüge und Kompromisse sind ein wichtiger Bestandteil jeder revolutionären Strategie. Für die venezolanische Revolution wird es jedoch entscheidend sein – wenn sie den Rückzug als rein taktischen betrachten will –, ihre antiimperialistische Haltung beizubehalten und die Souveränität in anderen Bereichen zu wahren, während sie sich darauf vorbereitet, die volle Kontrolle über ihre Ölproduktion und -vermarktung zu einem späteren Zeitpunkt wiederzuerlangen.
Um ihr strategisches Projekt in der bevorstehenden schwierigen Zeit aufrechtzuerhalten, verfügt die venezolanische Revolution über einige wichtige Ressourcen. Dazu gehören:
- eine starke politische Partei, die PSUV;
- ein loyales Militär, das mit dem Volk in der von Chávez so genannten «zivil-militärischen Allianz» verbündet ist; und
- eine verbesserte Kontrolle über den Finanzsektor, die sich als Reaktion auf die US-Blockade im letzten Jahrzehnt entwickelt hat.
Neben diesen drei Elementen ist Venezuelas entscheidendste revolutionäre Ressource – ja, das Wesen der Revolution selbst – das Bündnis zwischen der Volksmacht und der Revolutionsregierung. Dieses Bündnis muss um jeden Preis bewahrt werden. Darüber hinaus wird es in der kommenden Zeit die Aufgabe der Volksmacht sein, insbesondere wie sie sich in den Kommunen manifestiert, die höchsten sozialistischen und antiimperialistischen Ideale der Revolution zu wahren, so wie es die Kommune-Bewegung während der durch die Blockade ausgelösten Krise im letzten Jahrzehnt getan hat. Es wird auch Aufgabe dieser Bewegung sein, zu versuchen, einige der revolutionäreren internationalen Verbindungen auf einer Basis zwischen den Völkern und zwischen den Ländern des Südens aufrechtzuerhalten, was für den Staat über offene diplomatische Beziehungen derzeit möglicherweise nicht so einfach ist.
Tatsächlich geschieht dies bereits, da die kommunardischen Kräfte unermüdlich Kampagnen für die Rückkehr von Präsident Maduro durchführen und gleichzeitig einige internationalistische Verbindungen, etwa zu den revolutionären Kräften des kolumbianischen Volkes, aufrechterhalten. Angesichts der schwierigen Zeiten, die vor uns liegen, ist es wichtig, die beeindruckende Einheit der venezolanischen Revolutionskräfte zu bewahren, die sich sowohl im letzten Jahrzehnt als auch in den unmittelbaren Reaktionen auf die Invasion vom 3. Januar gezeigt hat. Allerdings gab es innerhalb des vereinten revolutionären Blocks in Venezuela schon immer zwei Strömungen: Eine, die eher aus der Mittelschicht stammt und technokratisch geprägt ist, und eine andere, die eher aus der Arbeiterklasse kommt und mit den Kommunen verbunden ist. Erstere wurde im letzten Jahrzehnt durch politische Entscheidungen gestärkt, die notwendig waren, um die imperialistische Blockade zu überstehen. Daher ist es wichtig, dass die sozialistisch orientierten Kräfte der Revolution, insbesondere jene, die in den Kommunen engagiert sind, durch ihr Vorbild – wie sie es bereits im letzten Jahrzehnt getan haben – ihre Leistungsfähigkeit und Stärke in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht unter Beweis stellen. Dies sollte nicht in prahlerischen und «kritischen» Reden geschehen, sondern in geduldiger, konkreter Arbeit des Aufbaus von Kommunen und der ideologischen und praktischen Bildung der Massen: also in einer Reihe von Anstrengungen, die beispielhaft zeigen, dass der Bereich der Kommunen die solideste, vertrauenswürdigste, disziplinierteste und antiimperialistischste Säule der Revolution ist.
Eine letzte Bemerkung. Der Faschismus hat in den Vereinigten Staaten an Einfluss gewonnen und dort tatsächlich die Macht ergriffen, was sich mit Trumps zweiter Präsidentschaft sehr deutlich gezeigt hat. Gleichzeitig hat ein faschistischer und explizit kolonialistischer Imperialismus – der MAGA-Imperialismus – in Lateinamerika durch gewaltsamere Aktionen und offene Interventionen einige Erfolge erzielt. Dies kann bei Linken Verzweiflung auslösen, insbesondere da die Reaktion der antiimperialistischen und antifaschistischen Kräfte in der Region bisher schleppend, unorganisiert und nicht entschieden genug war. Doch die Linke sollte Geduld haben. Der Faschismus gewinnt in der Regel die ersten Schlachten, während die Antwort der stärksten antifaschistischen Kräfte zwangsläufig länger braucht, um sich zu formieren. Dies liegt zum einen daran, dass der Antifaschismus die friedliebenden Mehrheiten der Welt mobilisieren muss, zum anderen daran, dass seine internen Organisationsmethoden demokratischer sind. Sobald diese Kraft jedoch erwacht, sind ihre Macht und Kreativität immens, und ihre Fähigkeit, die Feinde des sozialen Fortschritts und der menschlichen Emanzipation zu zerschlagen, ist gewaltig.
Ibrahem Younes ist ein ägyptischer Forscher und Übersetzer, dessen Forschungsschwerpunkte Soziologie, Marxismus und Weltsystemanalyse umfassen. Er schreibt regelmässig über lateinamerikanische Angelegenheiten für die Website des Al Mayadeen Network und die libanesische Zeitung Al-Akhbar. Deutsch übersetzt mit Hilfe von Tools ab der englischen Version des Artikels auf Monthly Review.