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Ramon Labañino ist einer der «Cuban Five», der kubanischen Geheimdienstoffiziere, die erfolgreich kubanische Terrororganisationen in Miami infiltrierten. Sie wurden 1998 vom FBI verhaftet und in den USA inhaftiert; drei der fünf, darunter Ramon, kamen erst 2014 frei. Die «Cuban Five» wurden 2015 als Helden der Republik Kuba geehrt. Ramon ist studierter Wirtschaftswissenschafter und Vizepräsident des Nationalen Verbandes der Wirtschaftswissenschaftler und Buchhalter Kubas (ANEC).

«Kubas Wirtschaftsreformen sind kein Verrat, sondern revolutionäre Kreativität»

Kuba hat kürzlich mit Wirtschaftsreformen unter anderem auf gewisse Markt­mechanismen zurückgegriffen. Und schon wurde ihm unterstellt, sozialistische Grundsätze über Bord zu werfen. Nichts ferner als das, stellt Ramon Labañino, einer der legendären Cuban Fives, fest. Marxismus ist kein Dogma, sondern eine Methode der Analyse. Die daraus resultierende Massnahmen ermöglichen der kubanischen Regierung, das Gesetz des Handelns auch unter extrem schwierigen Rahmen­bedingungen in ihren Händen zu behalten, so, wie es einst Lenin mit der NEP geschafft hatte.

von RAMÓN LABAÑINO SALAZAR, 8. August 2026
 
Als die Nationalversammlung im vergangenen Juni die 176 Wirtschafts­mass­nahmen verabschiedete, hiess es im Ausland schnell, wir würden uns dem Kapitalismus zuwenden. Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. Wir haben eine alte Lehre des Marxismus angewandt: Wenn die Produktivkräfte mit Produktionsverhältnissen in Konflikt geraten, die ihnen keinen Raum mehr lassen, müssen diese angepasst werden. Das ist keine Kapitulation, sondern revolutionärer Realismus. Die Blockade hat uns in die Enge getrieben, und die Zentralplanung allein konnte nicht mehr alles bewältigen. Deshalb griffen wir auf Marktmechanismen zurück, ohne jedoch die politische Kontrolle oder das gesellschaftliche Eigentum an den wesentlichen Produktionsmitteln zu verlieren. Es handelt sich im Wesentlichen um eine notwendige Aktualisierung, vergleichbar im Geiste – wenn auch nicht in der Form – mit der NEP (Neue Ökonomische Politik), die Lenin 1921 in Moskau propagierte. Der Markt ist ein Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst.

Einführung

Wir, die wir den Alltag in Kuba leben, wissen, dass 2026 kein gewöhnliches Jahr ist. Die Verabschiedung dieser 176 Massnahmen hat sowohl innerhalb als auch ausserhalb des Landes intensive Debatten ausgelöst. Wir haben schon alles gehört: das Ende des Sozialismus, die Kapitulation vor dem Imperialismus, die Übernahme neoliberaler Modelle. Doch die Analyse der politischen Ökonomie aus marxistisch-leninistischer Perspektive beweist das genaue Gegenteil.

Dies ist kein Kurswechsel, sondern eine Kurskorrektur. Und es ist nicht das erste Mal, dass der Sozialismus sich dem Markt zuwendet, um zu überleben. Lenin tat dies 1921 mit der NEP, und das machte ihn nicht weniger zu einem Sozialisten. Das Problem ist, dass wir manchmal die Mittel mit den Zielen verwechseln. Das Ziel bleibt dasselbe: eine gerechtere Gesellschaft mit Souveränität und Wohlstand für unser Volk aufzubauen. Was sich ändert, sind die Werkzeuge, und das bestimmt die Realität, nicht die Handbücher.

In dieser Arbeit werde ich nicht wiederholen, was andere bereits gesagt haben. Ich möchte meine auf Erfahrung und Theorie beruhende Analyse darlegen, warum diese Reformen nicht nur notwendig, sondern auch tief in der marxistisch-leninistischen Tradition verwurzelt sind. Und man täusche sich nicht: Sie sind nicht perfekt; sie werden Widersprüche enthalten, aber es ist besser, mit Korrekturen voranzuschreiten, als gelähmt zu verharren, während die Blockade uns erstickt.

Theoretische Grundlagen: Warum der historische Materialismus uns zum Wandel zwingt

Manchmal vergessen wir, dass der Marxismus kein Dogma, sondern eine Analysemethode ist. Wendet man diese Methode auf die gegenwärtige kubanische Realität an, gelangt man zu einer unbequemen, aber unausweichlichen Schlussfolgerung: Unsere Produktions­verhältnisse sind hinter der Entwicklung der Produktivkräfte zurückgeblieben. Nicht etwa, weil die Planer schlecht wären, sondern weil sich die Rahmen­bedingungen drastisch verändert haben.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks verloren wir einen wichtigen Markt und finanzielle Unterstützung. Und mit der Verschärfung der Blockade – insbesondere in den letzten Jahren – wurde die Fähigkeit unserer zentralen Planwirtschaft zur Ressourcen­verteilung massiv beeinträchtigt. Dies ist niemandem im Besonderen anzulasten; es handelt sich um einen objektiven Widerspruch, den Marx und Engels bereits 1845/46 in Brüssel in ihrer Deutschen Ideologie beschrieben haben: Wenn die Produktions­verhältnisse zu Fesseln werden, müssen sie umgestaltet werden.

Genau das haben wir getan. Nicht aus einer Laune heraus, sondern weil die Realität uns dazu zwang. Und hier möchte ich eines klarstellen: Präsident Díaz-Canel hat dies aufrichtig erklärt: Es geht nicht darum, den Sozialismus aufzugeben, sondern darum, uns zu fragen, wie wir ihn unter einer Blockade, die bereits über sechs Jahrzehnte andauert, tragfähig gestalten können. Diese Frage hat keine einfache Antwort, aber Lenin lehrte uns, dass Theorie ein Leitfaden für das Handeln ist, kein Rezeptbuch.

Lenin selbst betonte dies in Materialismus und Empirio­kritizismus (Genf, 1908) sowie in seinen Philoso­phischen Notizbüchern, die zwischen 1914 und 1916 entstanden, wo er darauf bestand, dass jede Epoche ihre eigenen Lösungen erfordere.

Die Blockade, wie Lenin sie in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (Zürich, 1916) so treffend definierte, ist ein Instrument des Finanzkapitals zur Unterdrückung rebellischer Völker. Und wir Kubaner wissen das besser als jeder andere. Sie hat uns daran gehindert, Wohlstand anzuhäufen, uns den Zugang zu Technologie verwehrt und alles verteuert. Angesichts dessen sind Reformen kein Zugeständnis, sondern eine notwendige Reaktion. Den Markt zu nutzen, um das zu lösen, was die Planung allein nicht mehr vermag, ist kein Verrat, sondern revolutionäre Kreativität.

Was ändert sich und was ändert sich nicht?

Hier muss eine Unterscheidung getroffen werden, die in der Debatte oft untergeht: Das Eigentum an den grundlegenden Produktionsmitteln bleibt staatlich und gesellschaftlich. Das ist unumstösslich. Was sich ändert, ist die Verwaltung, der Betrieb. Und das ist keine Kleinigkeit, aber auch keine Privatisierung.

Das Bankensystem

Es wurde behauptet, die Zulassung privater Finanzinstitute bedeute das Ende der staatlichen Kontrolle. Das ist nicht der Fall. Die Zentralbank behält die Aufsicht und Regulierungsbefugnis über strategische Sektoren. Wir erweitern das Finanzökosystem, weil wir mehr Kredit- und Investitionsquellen benötigen. Staatliche Banken werden nicht verschwinden, sondern neben privaten Akteuren bestehen, die inländische Ersparnisse und Überweisungen unserer Landsleute ins Ausland lenken. Premierminister Manuel Marrero (2026) hat dies treffend erklärt: Es geht um ein vielfältigeres, flexibleres, aber überwachtes System. Das ist keine Kapitulation, sondern Anpassung. Und damit folgen wir dem Weg, den Lenin 1916 in Zürich vorgezeichnet hat, als er auf die Notwendigkeit aufmerksam machte, ausländisches Kapital zu nutzen, ohne die politische Kontrolle über die Geschicke des Landes zu verlieren.

Kleinst-, Klein- und Mittelbetriebe und ausländische Investitionen

Ein weiterer kontroverser Punkt ist die Anhebung der Mitarbeitergrenze für Klein- und Mittelbetriebe (KKMU) bzw. die Möglichkeit für Einzelpersonen, mehrere Unternehmen zu besitzen. Ebenfalls umstritten ist die Öffnung des Agrarsektors für diese Managementmodelle. Ich sehe darin eine Anerkennung der Produktivität des nichtstaatlichen Sektors, der seine Leistungsfähigkeit bereits in vielen Bereichen unter Beweis gestellt hat. Es geht nicht um Grosskapitalisten, sondern um kleine und mittlere Produzenten, die, in die Volkswirtschaft integriert, einen bedeutenden Beitrag leisten können. Bislang wurden 12 751 nichtstaatliche KKMU genehmigt, und Tausende weitere befinden sich im Genehmigungs­verfahren (Marrero Cruz, 2026).
Die Investition von im Ausland lebenden Kubanern mit Nutzungsrechten an Grundstücken für bis zu 99 Jahre ist ein mutiger Schritt, doch das Eigentum wird nicht aufgegeben. Sie sichert uns dringend benötigte Devisen. Es geht ums Überleben, nicht um Kapitulation.

Das staatliche Unternehmen befindet sich im Wandel

Der wohl revolutionärste – und riskanteste – Schritt ist die Umwandlung öffentlicher Betriebe in Wirtschafts­unter­nehmen mit Management­autonomie und der Möglichkeit zur Umstrukturierung bei Verlusten. Auch wechselseitige Beteiligungen zwischen staatlichen und privaten Unternehmen werden zulässig sein. Das Ziel ist klar: den öffentlichen Sektor effizienter zu gestalten, ihn zu verschlanken und Verschwendung zu vermeiden. Marx hat bereits im Kapital, Band III (London 1894), gezeigt, dass Wettbewerb und Effizienz objektive Kräfte sind, die selbst im Sozialismus gelenkt werden müssen, um Verschwendung zu verhindern. Der Staat bleibt Regulierungsbehörde, ist aber nicht mehr alleiniger Manager. Darüber hinaus wird ein Programm zur Bewertung und Verbriefung von Vermögenswerten eingeführt, damit staatliche Betriebe ihre Vermögens­werte als Kredit­sicherheiten nutzen können. Es handelt sich um eine tiefgreifende, aber notwendige Veränderung.

Das Wertgesetz im Sozialismus: Widerspruch oder Ergänzung?

Eine der interessantesten Debatten dreht sich um die Rolle des Wert­gesetzes im Sozialismus. Marx lehrte uns im Kapital, Band I (London, 1867), dass das Wertgesetz so lange Bestand hat, wie Warenproduktion existiert. Wir können es nicht ignorieren, aber wir können es der Planung unterordnen.

Genau das ist unser Ziel: Preis­verzerrungen und Ressourcen­allokationen mithilfe von Marktsignalen zu korrigieren, ohne dabei unsere strategische Ausrichtung aus den Augen zu verlieren.

Der Staat wandelt sich vom Preissetzer zum Regulierer durch Steuern, Zölle und einen ziel­gerichteten Sozialfonds. Allgemeine Subventionen werden abgeschafft und auf die Bedürftigsten konzentriert. Dies ist ein grundlegender Wandel. Marrero (2026) wies darauf hin, dass der Staats­haushalt den Wirtschafts­sektor mit 92,5 Milliarden Pesos subventionierte, wovon die Hälfte in Stromtarife floss. Die Überprüfung und schrittweise Abschaffung dieser Belastung entspricht rationaler sozialistischer Betriebs­führung, wie Engels bereits in «Anti-Dühring» (London, 1877) feststellte, als er warnte, dass allgemeine Subventionen das Wertgesetz verzerren und Ineffizienzen erzeugen können. Damit folgen wir auch dem Weg, den Lenin in «Über den Einheit­lichen Wirtschafts­plan» (Moskau, 1921) einschlug, als er den Handel als notwendige Ergänzung zur Planwirtschaft anerkannte.

Die Blockade bleibt das zugrundeliegende Problem

All diese Reformen sind grösstenteils eine Reaktion auf die Blockade. Gäbe es dieses Wirtschafts­embargo nicht, bräuchten wir vielleicht nicht so viele Änderungen. Doch die Realität sieht anders aus. Indem wir die Wirtschaft für Investitionen aus der Diaspora – die nicht der Blockade unterliegt – und für neue Handelsformen öffnen, versuchen wir, unsere Finanzierungs­quellen zu diversifizieren und unsere Abhängigkeit von feindseligen Akteuren zu verringern. Die von der Zentralbank genehmigte Nutzung von Krypto­währungen für internationale Zahlungen ist ein weiteres Beispiel für kreative Anpassung. Lenin warnte uns 1916 in Zürich, dass der Kampf um wirtschaftliche Souveränität die Überwindung der Mechanismen finanzieller Abhängigkeit beinhaltet. Wir bewegen uns in diese Richtung.

Neue Unternehmer, eine neue Bourgeoisie?

Mit diesen Reformen verlagert sich die Entscheidungs­macht von der Staats­bürokratie hin zu Unternehmens­managern. Doch der kubanische Staat, als Instrument der Arbeiterklasse – in der Tradition der von Lenin in «Staat und Revolution» (Petrograd, 1917) entwickelten «Diktatur des Proletariats» –, behält seine Führungsrolle durch Regulierung, Banken­aufsicht und Finanz­politik.
Tatsächlich entsteht eine neue soziale Schicht privater Unternehmer. Handelt es sich hierbei um die Restauration einer Bourgeoisie? Ich glaube nicht. Es sind kleine und mittlere Produzenten, die in die Volks­wirtschaft integriert und vom Regulierungs­rahmen des sozialistischen Staates abhängig sind. Lenin stellte sich dieser Heraus­forderung bereits in «Die unmittelbaren Aufgaben des Sowjetstaates» (Moskau, 1918), als er – zusammen mit der späteren Neuen Ökonomischen Politik (NEP) – argumentierte, dass der Arbeiterstaat privates Kapital tolerieren könne, solange dieses die Kontrolle über die Macht­positionen behalte. Die aktuelle Herausforderung besteht darin, sicherzustellen, dass der erwirtschaftete Überschuss im Inland reinvestiert wird und nicht ins Ausland abfliesst. Dies ist der Zweck der Kontroll- und Aufsichts­mechanismen.

Zum Schluss

Aus marxistisch-leninistischer Sicht stellen die Mass­nahmen vom Juni 2026 eine notwendige strategische Haltung dar, vergleichbar im Geiste mit der Neuen Ökonomischen Politik (NEP), die Lenin 1921 propagierte, jedoch an die konkreten Bedingungen Kubas im 21. Jahrhundert angepasst. Sie sind das Ergebnis der Suche nach einem neuen Gleichgewicht zwischen Staatsmacht und Markteffizienz, angetrieben von einer materiellen und historischen Notwendigkeit, die Marx und Engels bereits 1848 in London/Brüssel voraus­sahen (Kommunistisches Manifest): Die permanente Revolution der Produktiv­kräfte erfordert ständige Trans­formationen der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Das wahre Kriterium für ihre Bewertung wird nicht allein ideologischer, sondern praktischer Natur sein: Führt der erwirtschaftete Überschuss zu Verbesserungen der Lebens­qualität, zur Nachhaltigkeit öffentlicher Dienst­leistungen und zur Stärkung der nationalen Souveränität? Partei und Regierung haben diese Heraus­forderung angenommen, im Bewusstsein, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, sondern dass die marxistisch-leninistische Theorie uns die Werkzeuge an die Hand gibt, die Realität zu interpretieren und zu verändern, vorausgesetzt, sie wird kreativ und den spezifischen Gegebenheiten des Landes entsprechend angewendet, so wie Lenin es 1908 in Genf argumentierte (Materialismus und Empiriokritizismus), als er den praktischen und dialektischen Charakter des Wissens betonte.

Eine grundlegende Prämisse, die nicht in Vergessenheit geraten darf, ist, dass weder der Markt noch Privateigentum über den Interessen des Volkes und der Kommu­nistischen Partei Kubas stehen. Volks­souveränität und die Führung der Partei haben Vorrang vor dem Markt und sind stets bestrebt, die Bedürfnisse der Nation zu befriedigen. Es gibt keine Zeit zu verlieren, und es ist kein Platz für diejenigen, die den Willen unseres Volkes, sich in Richtung eines besseren Lebensstandards, Unabhängigkeit und Souveränität zu entwickeln, behindern, bürokratisieren, korrumpieren oder verraten. Lasst uns alles ändern, was geändert werden muss, wie es Kommandant Fidel Castro in seiner Definition der Revolution ausdrückte. Dies schliesst auch die Erneuerung der Reihen derer ein, die den Anforderungen dieser Zeit nicht gewachsen sind.

Diesen Artikel haben wir aus ML-Today übernommen. Ursprünglich wurde er jedoch für «Bohemia», eine bedeutende kubanische Zeitschrift für ein breites Publikum, geschrieben.