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Wird Russland dem Rest des Kontinents je wieder vertrauen können, nachdem ihm die politischen Eliten Europas dermassen in den Rücken gefallen sind und sich als willfähriges Werkzeug des US-Hegemons erwiesen haben? Das Vertrauen wird für lange Zeit verscherzt sein, aber ein friedliches Zusammenleben kann und muss wieder möglich sein, sobald die legitimen nationalen Sicherheitsinteressen Russlands endlich respektiert werden.

Die Konsequenzen des Ukraine-Konflikts für das Zusammenleben in Europa

Auszug einer Rede von SCOTT RITTER1

Für die Vereinigten Staaten hat dieser Konflikt … zur Folge, dass der Untergang der auf Regeln basierenden internationalen Ordnung beschleunigt wird. Also die Ordnung jenes Clubs, den die Vereinigten Staaten am Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet haben. Sie bricht zusammen. Sie bricht in einer Phase zusammen, in der in der Welt die Erkenntnis wächst, dass Multipolarität notwendig ist, dass andere Nationen wichtig sind. Dass sich die Welt nicht nur um die Vereinigten Staaten drehen kann. Und dieser Kampf um die Multipolarität wird von Russland und China angeführt, aber auch Indien, Brasilien, Südafrika und andere Nationen sind auf dem Vormarsch.

Die Geschichte der Welt zeigt, dass es einen evolutionären Prozess gibt und Imperien verschwinden. Aber was wir hier sehen, ist nicht das Schwinden des amerikanischen Imperiums, sondern der Zusammenbruch des amerikanischen Imperiums. Und eine der Folgen dieses Konflikts ist, dass die Vereinigten Staaten feststellen, dass ihre Rolle in der Welt in diesem Augenblick zusammenbricht. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch Europa haben strategisch auf allen Ebenen versagt, politisch, wirtschaftlich und militärisch. Der Gewinner ist Russland.

Möglich ist: Friedliche Koexistenz zwischen Europa und Russland

Zum Glück für die Vereinigten Staaten und Europa hat Russland nicht die Art von globalen Dominanzbestrebungen, die die Vereinigten Staaten und die Nato haben. Russland strebt lediglich einen neuen europäischen Sicherheitsrahmen an, der das respektiert, was Russland als seine legitimen nationalen Sicherheitsinteressen ansieht. Und das wird die Zukunft sein.

Ein entscheidender russischer Sieg wird Europa letztlich dazu zwingen, seine selbstmörderische Umarmung der Nato und ihre ewige Rolle als verlängerter Arm der amerikanischen nationalen Sicherheitspolitik aufzugeben und statt dessen eine verantwortungsvolle realistische Verständigung mit Russland darüber anzustreben, wie Europa und Russland friedlich koexistieren können, und zwar nicht als Freunde. Europa hat meiner Meinung nach für immer, zumindest für die absehbare Zukunft, die Gelegenheit verloren, der Freund Russlands zu sein. Russland wird Europa nie wieder vertrauen – und Russland sollte Europa auch nie wieder vertrauen. Europa wird nie wieder ein Partner Russlands sein. Man wird kein Partner von Staaten, die einem in den Rücken fallen, so wie Europa Russland in den Rücken gefallen ist. Aber Sie können friedlich koexistieren.

Völkerrecht statt regelbasierte internationale Ordnung

Und ich glaube, das ist das Ziel Russlands, und ich glaube, das wird auch das Ziel Europas sein. Der Verlierer in all dem werden langfristig die Vereinigten Staaten sein, der Gewinner von all dem wird langfristig der Rest der Welt sein. Denn je eher die Vereinigten Staaten gezwungen werden können, von ihrer selbstgewählten Rolle als globaler Hegemon zurückzutreten, desto eher wird die Welt in der Lage sein, die Vereinigten Staaten an den Tisch einer multipolaren Ordnung einzuladen, in der Rechtsstaatlichkeit an die Stelle der auf Regeln basierenden internationalen Ordnung tritt.
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1 Scott Ritter ist ein ehemaliger Geheimdienstoffizier des US Marine Corps, der in seiner mehr als 20jährigen Laufbahn unter anderem in der ehemaligen Sowjetunion bei der Umsetzung von Rüstungskontrollabkommen, im Stab von US-General Norman Schwarzkopf während des Golf-Kriegs und später als Chefwaffeninspektor der Uno im Irak von 1991 bis 1998 tätig war.
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Der Artikel wurde auszugsweise von seniora.org übernommen, wo er auch in der vollen Länge nachgelesen werden kann. Erstmals in deutscher Sprache ist er am 1. November in www.zeitfragen.ch erschienen.